28.10.2025
Nach tödlichem Unfall bei Treuenbrietzen: Noch eine Hürde vor Baubeginn zu nehmen
Aus Lühsdorf, einem Ortsteil von Treuenbrietzen, kommen die Märtens ohne Auto nicht weg. Außer dem Schulbus, der zwischen Rietz und Beelitz pendelt, gibt es in dem kleinen Dorf nördlich der L80 keine öffentlichen Verkehrsmittel.
„Gerade für die Kinder, aber auch für uns Erwachsene wäre es ideal, Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen“, sagt die dreifache Mutter Lisa Märten. „Wir könnten Freunde auch ohne Auto besuchen oder in Wittbrietzen ein Eis essen. Mein Sohn könnte allein mit dem Fahrrad zur Musikschule nach Buchholz fahren.“
L80 für Radfahrer zu gefährlich
Doch die stark befahrene Landesstraße, die Luckenwalde mit der B2 verbindet, ist ein erhebliches Risiko. Erst im Juli dieses Jahres starb ein Radfahrer
bei einer Kollision mit einem Pkw.
„Wir meiden die L80 mit dem Fahrrad grundsätzlich, sie ist zu gefährlich. Autos und Lastwagen sind oft zu schnell, die Strecke kurvig und schlecht einzusehen“, sagt Lisa Märten. Bei Sonnenschein erschweren zusätzlich wechselnde Schatten die Sicht. Ähnlich geht es Alexander Flor, der sich mit seinem sechsjährigen Sohn Liam nur sporadisch am Wochenende über die L80 traut. „Nach Treuenbrietzen fahren wir über den alten Plattenweg, Richtung Beelitz über Sand- und Waldwege“, so der 48-Jährige.„Die Straße ist für Radfahrer unzumutbar“, bestätigt seine Lebensgefährtin Lisa Rieger
.„Nicht einmal für Erwachsene, geschweige denn mit einem Kind.“
Lisa Rieger und Alexander Flor mit Sohn Liam trauen sich auf die L80 mit dem Fahrrad nur am Wochenende
Die tödliche Unfallstelle an der L80, an der ein Radfahrer mit einem Pkw kollidiert ist, markiert ein weißes Fahrrad.
Stefan Scheddin: Der Verkehr hat sich vervielfacht
„Der Verkehr auf dieser Strecke hat sich seit dem Ausbau der B101 in Luckenwalde vervielfacht. Gerade Schwerlaster nutzen die L80 als Ausweichstrecke, um die Maut zu umgehen“, sagt Stefan Scheddin, Bürgermeister von Nuthe-Urstromtal. „Der gefühlte Verkehr ist immens.“
Einen genauen Vergleich vor und nach dem Ausbau gibt es nicht; die letzte Zählung liegt vier Jahre zurück. 2021 fuhren auf der L80 durchschnittlich rund 4100 Fahrzeuge pro Tag, darunter etwa 570 Lkw und andere Schwerfahrzeuge.
Obwohl die L80 an der betroffenen Stelle die vorgeschriebene Mindestbreite von 6 Metern um 15 Zentimeter überschreitet, bleibt die Straße für Radfahrer extrem gefährlich – selbst ohne Lastwagen, wie der tödliche Unfall im Juli zeigt. Der Verein Schulradwege kämpft seit über zehn Jahren für einen Radweg von Luckenwalde bis nach Buchholz. Das bisher ausgebaute Stück endet abrupt nach Frankenfelde.
Nun scheint endlich Bewegung in das festgefahrene Projekt zu kommen. Nach dem tödlichen Unfall und Intervention von Stefan Scheddin, der „Pontius und Pilatus angeschrieben hat“, rückt der Ausbau zwischen Frankenfelde und Frankenförde in der Prioritätenliste nach oben.
Das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung teilt mit, dass der Landesbetrieb Straßenwesen, zuständig für die Radwegplanung, im zweiten Halbjahr 2025 die Projektorganisation festlegen soll. Parallel laufen die Vorbereitungen für das Vergabeverfahren 2026. Läuft alles nach Plan, könnte die technische Planung im zweiten Halbjahr 2026 starten.
„Es gibt einen Unterschied zwischen Bedarfsplanung und der eigentlichen Projektplanung. Die Bedarfsplanung legt die Grundlage für alle weiteren Schritte. Die Aufnahme des Abschnitts Frankenfelde–Frankenförde in den vordringlichen Bedarf schafft erst einmal die Voraussetzung für die konkrete Planung“, erklärt LS-Pressesprecherin Dorothée Lorenz. „Wir befinden uns noch in einer frühen Phase des
Projekts.“ „Die Einstufung als prioritär ist ein Teilerfolg“, betont Helmut Theo Herbert, Ortsvorsteher von Lühsdorf. „Daraus ergibt sich eine geänderte strategische Ausrichtung und auch mehr Druck auf Potsdam-Mittelmark. Statt auf Teltow-Fläming zu warten, müssen Treuenbrietzen und Beelitz nun selbst aktiv werden, um die Lücke bis zur Landkreisgrenze bei Kemnitz zu schließen.“
Nur ein Eigentümer - Zustimmung fehlt noch
Von allen Grundstückseigentümern entlang der L80 in Teltow-Fläming hat der Verein inzwischen Zustimmung erhalten – nur eine Person fehlt noch. Im Notfall müsste die letzte Genehmigung durch Enteignung erwirkt werden. „Das ist bei anderen Radprojekten schon vorgekommen“, so Helmut Theo Herbert.
„Die Verbesserung der Radwegeinfrastruktur ist unsere Kernaufgabe. Gerade im ländlichen Raum ist es sehr wichtig, die Verbindung zwischen den Ortslagen zu stärken und den Radfahrern sichere Wege anzubieten“, sagt Robert-Walter Wildgrube, Leiter der Bauverwaltung. „Vorbereitend für den weiteren Ausbau der Radstrecke in Potsdam-Mittelmark wollen wir schon mal die Grundstückseigentümer entlang des Abschnitts ansprechen.“
Dorothée Lorenz vom LS dämpft die Erwartungen: „Die Abschnitte zwischen Kemnitz und der B2 sind nachrangig im Vergleich zu Projekten mit vordringlichem Bedarf, daher können wir keine Planungszeiträume nennen.“
Hoffentlich muss nicht erneut ein Radfahrer sterben, um den fehlenden Abschnitt in Potsdam-Mittelmark auszubauen. Viele Menschen vermissen die Möglichkeit, den Bahnhof in Buchholz mit dem Fahrrad zu erreichen – und den Arbeitsweg ohne Auto zu gestalten.
MAZ vom 28.10.2025
Text, Fotos von Kinga Rybinska